Lydia's Blog aus dem Pantanal


Vom Himmel gefallen

Stehe mitten im Wald, eine hier aufzustellende Kamerafalle in der Hand, als mir ein goldenes Flauschbällchen aus dem Himmel vor die Füße purzelt und mich entsetzt anstarrt. Äh. Bei 36 °C im Zeckeninferno arbeitet das Gehirn zugegeben etwas langsam. Ich starre verständnislos zurück, kann nicht einsortieren was ich da gerade sehe. Schweift das Gehirn übersprungshandlungsmäßig ab…

 

Wann ist es eigentlich wieder so heiß geworden? Erst eine Woche ist es her, dass ich beim Kamerafalleneinsammeln vom Megaunwetter überrascht wurde. Temperatursturz von 38 °C auf 17 °C. Strömender Regen aus dem eben noch wolkenlosen Himmel, ich (mal wieder mit Kamerafalle) irgendwo im Wald und auf einmal schlagen rund um mich rum Blitze ein. Ich muss wie eine Blöde durch den Dornenwald Richtung endlos weit weg geparktem Auto rennen. Bis ich da bin, bin ich nass bis auf die Unterhose und die Schienbeine komplett zerkratzt. Im Auto dann ja zumindest vor Blitzen sicher. Faradayscher Käfig, blablabla. Stellt  sich allerdings die Frage wie laut der Knall ist, wenn der Blitz im Auto einschlägt? Ich halte mir mal pro forma die Ohren zu. Sonst überlebe ich zwar den Einschlag, bin aber taub. Ich beobachte wie wunderschön sich die Blitze durch den Regenschleier im Salzsee reflektieren. Parke das Auto dann noch ein Stückchen vom Wald weg- wenn der Blitz zwar vom Metall umgeleitet wird, mich im Anschluss aber ein Baum erschlägt, habe ich ja auch nix dazu gewonnen. Dann wäre zu allem Überfluss auch noch das AUTO KAPUTT! Wäre immerhin stilecht, wenn ich noch eins von Lucas Autos mit ins Grab nehmen würde. Á propos: Würde bei einem Einschlag wohl die Elektrik kaputt gehen? Faradayscher Käfig hin oder her?

 

Ich freue mich ja über Regen in der ganzen Trockenheit, aber muss das IMMER an dem Tag sein an dem ich meine Kamerafallenaktion habe, also stundenlang in der Pampa rumhampeln muss, während zuhause zu allem Überfluss die frisch gewaschene Wäsche auf der Wäscheleine versucht zu trocknen?  Vor zwei Wochen beim Kameraaufstellen schon der gleiche Blödsinn. Da bin ich mit dem schlechtgelaunten Pferd und einem Haufen Kamerafallen im sturzbachartigen Regen gelandet. Von der Regenhülle des Rucksacks lief alles hinten in die (letzte saubere) Hose und wenn man vom Pferd abstieg, der Matsch in die letzten trockenen Schuhe.

 

Und dann wurd’s wieder heiß. Diesmal ist es beim Kamerafallenaufstellen SEHR weit davon entfernt zu regnen. Keine Wolke in Sicht. Murphys Law, diesmal habe ich meine Wasserflasche expertenmäßig in der Küche stehen lassen und dürste so den ganzen sonnigen Vormittag vor mich hin. Mittlerweile, wie gesagt, 36 °C im Zeckenwald und vor mir das goldene Knäuel das gerade motzend auf eine Palme klettert. Ein Brüllaffenkind. Ist irgendwie aus dem Baum gefallen, oben in den Wipfeln schimpft lautstark der Rest der Brüllaffenfamilie, der Name ist Programm. Motzen die wegen mir???! Als ob ich was dafür könnte, dass die ihre Aufsichtspflicht verletzt haben! Vielleicht bemängeln sie aber auch die mangelhaften Kletterkünsten des Affenkindes.  

 

Die kleine Fuddelpalme mit den dünnen Wedeln, die sich das Kleine ausgesucht hat um zur Verwandtschaft in den Bäumen zu steigen, ist zum Beispiel nicht gerade die beste Wahl. Das Palmblatt an dem es sich hochkämpft neigt sich unweigerlich wieder zu Boden und dann steht es wieder ratlos vor mir. Nächster Versuch, wieder die doofe Palme, diesmal hat er Glück und das Palmblatt wippt mit dem kleinen Affen auf der Spitze rüber zu einem Baumstamm. Den klettert er hoch, dann auf einen Zweig der ganz offensichtlich eine Sackgasse ist, ratloses Rumgehangel auf viel zu dünnen Zweigen, also wieder zurück, anderer Ast, anderer Baum, ganz offensichtlich müssen auch Affenkinder erstmal Klettern lernen. Nach vielem Hin- und Her schafft es der Kleine endlich zu seiner Mama. Puh! Vorwurfsvoll lugt er hinter ihrem Rücken zu mir runter, dann zieht sie ihn an sich heran und er kuschelt sich an ihren Bauch und beginnt zu säugen.

 

Happy End.

 

 

Auch für mich- das war die letzte Kamerafalle, die noch aufgestellt werden musste. Kann ich endlich nach Hause fahren. Durst!!! Ich Depp mit ohne Wasser. Nö, die Flasche steht ja schön kühl in der Küche. Aber wir sind ja immerhin im Feuchtgebiet. Da wird man ja wohl kaum verdursten. Nehme aus dem Wald eine große Schale der Ximbó Nuss mit, stapfe durch das sumpfige Ufer des nächstbesten Süßwassersees um Wasser zu schöpfen. Schmeckt scheiße und man kommt sich denkbar dämlich dabei  vor- Rüdiger Nehberg für arme. Und die nach dem letzten Regen gerade getrockneten Schuhe wären dann mal wieder nass. Soviel dazu. 

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Anakonda mit Ara im Schwitzkasten

Claudia ist mit zwei italienischen Gästen noch nicht von ihrer morgendlichen Safari mit dem Jeepinho zurück gekommen. Wir hängen kurz vor dem Mittagessen hungrig unterm Mangobaum rum, latent besorgt auf einen Funkspruch wartend, denn bei so einer Verspätung liegt die Vermutung nahe, dass der Jeep wieder den Geist aufgegeben hat. Der geht ja bekanntermaßen gerne mal kaputt. Wer wenn nicht ich kennt sich damit aus. Tatsächlich bricht er aber nicht nur mir unter dem Hintern auseinander, sondern auch allen anderen. Edson der Chefcowboy sagt immer: "Der Jeep lässt die Leute zu Fuß im Feld." Bisschen gemein. Meistens funktioniert das Auto ja und WENN es funktioniert ist es das großartigste Auto das es gibt. Nichts gegen meinen Jeep.

 

Gut. Zugegen hat Edson schon ein bisschen recht- erst kürzlich hielten wir abends im Dunkeln neben dem Baumstamm an, in dem die blöde Vogelspinne wohnt (blöd, weil sie sich meistens in ihrem Loch versteckt und dann leise da unten drin kichert wenn wir wieder extra um sie zu sehen einen unnötigen Umweg gefahren sind). Diesmal hörte man es noch etwas lauter kichern, denn offensichtlich ist sie nicht nur wie immer im Loch abgetaucht, sondern hat uns zusätzlich die vier Schrauben der Kardanwelle vom Jeepinho geklaut. Zumindest klackert er nach dem kurzen Stopp nur laut anstatt loszufahren. Unterm Auto hängt alles lose, keine Spur von den fehlenden Schrauben, schön. Alle haben schon Feierabend, niemand hört unsere Hilferufe im Funkgerät. Extrarunde zu Fuß gewonnen. Eine halbe Stunde durch den nächtlichen Sand bis nach Hause. Hat man gleich am nächsten Morgen auch was zu tun- neue Schrauben in die Welle schrauben um den Jeep heile wieder nach Hause fahren zu können. Während Klaus unter dem Auto robbt und ich die Frauenrolle in Form von dekorativem Anreichen der Schraubenzieher erfülle, kommt noch der Sensationstourismus, diesmal in Form von Cowboy Tom auf seinem Pferd, vorbei getrabt.

 

Aber...äh... ich schweife ab. AUF JEDEN FALL funkt Claudia, die ja im Feld verschollen ist, jetzt tatsächlich. Allerdings nicht, um wie befürchtet den neuerlichen Zusammenbruch des Jeeps zu verkünden, sondern weil sie eine Gelbe Anakonda entdeckt hat die einen Blau-Gelben Ara stranguliert. Anakondas sieht man selten und erst recht eine Anakonda die einen Papageien am Wickel hat, denn die Schlange wohnt im See und der Ara normalerweise auf dem Baum. Wenn der Ara allerdings am Seeufer trinken geht, kann das auch schonmal anders aussehen... Jetzt geht auf einmal alles ganz schnell. Ich kann gerade noch meine Kamera schnappen dann sitzen schon Gäste, Forscher und Lucas auf der Toyota auf dem Weg zur Schlange. Laut Claudia ist die fast um die Ecke von der Farm, im See der "drei Brüder", benannt nach den drei Palmen an seinem Ufer. Tatsächlich sieht man schon von weitem glänzende, verknotete, gelb-schwarz gepunktete Schlingen um einige traurige, nasse Federn gewunden.

 

Enorm. Der arme Ara. Und trotzdem unfassbar so eine riesige Schlange in Bewegung zu sehen zu sehen. Sie hat den Kiefer ausgehängt um den Papagei demnächst ins Maul zu stopfen. Unter der Haut sieht man die Muskeln arbeiten. Mindestens vier Meter lang, schätze ich. Wir stehen alle bis zu den Knien im schlammigen Wasser des Sees und staunen. Die Schlange lässt sich nicht stören. Justiert nochmal ihre Position nach, ruht zwischen drin immer wieder aus. Anstrengende Angelegenheit... Hat sie den Ara erstmal verschluckt verdaut sie mehrere Tage an der Riesenportion. Vielleicht pietätlos, aber ich bekomme bei dem Anblick ja Hunger. Ist ja immerhin Mittagsessenzeit.

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Auf Sand gebaut

Jung und knackig auf meiner ersten Festa Junina 2011
Jung und knackig auf meiner ersten Festa Junina 2011

Das mit dem „Nichts ändert sich“ hält natürlich keiner näheren Betrachtung Stand. Spätestens wenn ich über Fotos von der Farm und ihren Bewohnern von 2010 stolpere fällt unweigerlich ins Auge dass wir alle in den letzten sieben Jahren... ich sage mal… gut gereift sind. Wie ein Wein. Oder so... Vor allem die Kinder waren doch irgendwie noch Kinder als ich zum ersten Mal kam und sind jetzt schon richtige kleine Weiblein und Männlein. Caique, der als Kleinkind vor dem Forscherhaus in Windeln hinter den Gürteltieren her rannte geht jetzt zur Schule und reitet am Wochenende mit seinem Opa dem Chef-Cowboy und den anderen Männern zur Arbeit mit den Kühen.

Abgesehen davon fahre ich in die Tapera zum Kamerafallenaufstellen. Ein ca. 1000 Hektar großes Gehege im Osten der Farm. Auch hier hat sich eigentlich alles verändert. Wiesen wo Sand war, Büsche wo Wege waren, Bambus wo Palmen waren, Gras wo Seen waren, Seen wo Gras war. Die Natur im Pantanal steht genau genommen im totalen Gegensatz zu meiner postulierten Beständigkeit und verändert sich jedes Jahr in Abhängigkeit von Regen, Flut und Trockenheit. Schöne Überraschungen inbegriffen. Steht man unter anderem abends mit einem Auto voller chinesischer Touristen vor einer Waldeinfahrt die leider wegen unkontrollierter Wucherei nicht mehr zum Einfahren taugt und muss einen riesen Umweg nach Hause machen. 85 jährige Omma denkt sie müsse jetzt für den Rest ihres Lebens verloren durch das Pantanal streifen. Verwilderte Gäste zusätzlich zu verwilderten Hausschweinen? Egal.


...bei 36 °C hört der Spaß auf...
...bei 36 °C hört der Spaß auf...

Die Tapera hat in diesem Jahr wohl eher keine Lust auf Besuch und hat wie die Rosenhecke um das Dornröschenschloss dornige Zweige über die sandige Straße gewoben und hie und da mal einen Baum quer darüber geschmissen. Das ist natürlich blöd wenn man keine Wahl hat und dadurch muss. Immerhin bin ich mit dem Quad unterwegs. Mal wieder  Jochen Schweizer Wochen im Pantanal. Das Quad hat die halbe Spurbreite wie der Jeepinho und man kann eher um das ganze Gedöns rumnavigieren. Vermutlich würde man es technisch sogar irgendwie mit dem Auto dadurch schaffen, physisch würde mein Herz aber lange vor dem Jeep aus Angst vor kaputten Reifen  den Geist aufgeben. 

 

Wo die Straße von Baumtrümmern und wucherndem Gebüsch verschont wurde haben Gürteltiere ganze Arbeit geleistet. Scheißviecher. Die könnten überall graben- in den schönsten Wiesen, unter tollen Baumwurzeln, mit hübscher Aussicht neben dem See, aber nein, die bauen ihre Löcher immer genau da wo man langfahren will. Löcher und korrespondierende Sandhaufen soweit das Auge reicht. Vielleicht ist, da wo Autos und Traktoren drüber fahren, der Boden verdichtet und das Bauvorhaben im rieseligen Sandboden klappt nicht direkt zusammen wie Kölner Stadtarchive?! Um mal eine gewagte Theorie aufzustellen… Übrigens interessant: Die Wüstenstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate müssen den Sand für Bauvorhaben wie diese komische Palmeninsel in Dubai allen Ernstes in Australien und Indonesien einkaufen. Klingt absurd aber Wüstensand eignet sich nicht zum Bauen. Der ist zu rund und pappt nicht zusammen wie kantiger  Sand aus dem Meer. Irgendwie lustig. Kaufen die Araber, die zwischen endlosen Sanddünen sitzen, im großen Stil Sand ein. Irgendwie aber auch nicht lustig, den beim Baggern und Absaugen auf dem Meeresboden gehen A) viele Tiere und Wasserpflanzen drauf, B) entstehen Mulden die durch den Sand von Stränden und Ufern vom Meer wieder aufgefüllt werden. Gucken die Standresorts und Fischer in Indonesien ziemlich in die Röhre. Ganze Inseln können dann einfach unfreiwilliger Weise durch Strömungen abgetragen werden! 

Über Sand kann ich ausgiebig nachdenken, denn durch selbigen muss mittlerweile ich bis zur nächsten Kamerafallenposition 600 Meter weit stapfen. Wie ein Käselutscherverkäufer am Stand von Ipanema, man hat fast Lust den Kühen ein „QUEJO DE BRASA!“ entgegen zu brüllen. Die blockieren eh doof den Trampelpfad. Das Pantanal, zumindest das hier unten im Süden, ist ja auch ein einziger Sandkasten. Den Sand hat der Taquari Fluss im Laufe von mehreren Jahrtausenden hier im großen Stil hin getragen. Tatsächlich gab es mal Bohrungen nach Öl. Nach 500 Metern Sand gingen denen gottseidank die Bohrköpfe aus und das Projekt Ölgewinnung im Pantanal wurde ad acta gelegt. Kann man nur hoffen, dass er auch für arabische Bauvorhaben unbrauchbar ist… Dass der Sand 500 Meter und tiefer ist kann ich mir gut vorstellen wie ich da in unter der Hitze des Brasilianischen Winters (Winter…haha, ja genau) durch latsche. Der Wald, den ich auf den letzten Metern bis zur vorgegebenen Position durchqueren muss, war auch irgendwie mal offen und angenehm und hat sich jetzt mit dornigem Bambusgestrüpp und Zecken geschmückt. Leicht derangiert muss ich mir zurück beim Quad eingestehen, dass mein Plan ALLE Fallen aufzustellen wie immer etwas zu ambitioniert war. Abbruch der ganzen Aktion. Ich trete die Heimfahrt an. Muss ich morgen halt nochmal raus… Naja…

Gut erkennbar am unteren Bildrand: Das beeindruckende Geschlechtsorgan des Gürteltiermännchens.
Gut erkennbar am unteren Bildrand: Das beeindruckende Geschlechtsorgan des Gürteltiermännchens.

…Vielleicht werden Gürteltiere ja auch von den Achsen- und Stoßdämpferherstellern der KFZ-Industrie auf das ausschließliche Buddeln  auf Straßen abgerichtet und dann ausgesetzt. Denn: Ein Gürteltier macht viele Löcher auf der Suche nach Nahrung wie Wurzeln und Würmer und auch zum Bau der Heimresidenz. Der ehemalige Inhalt vom entstandenen Loch häuft sich als Sandhaufen daneben auf. Beides verbessert nicht unbedingt die Befahrbarkeit pantanesischer Straßen. Scheißviecher also. Aber ganz schön niedliche Scheißviecher muss ich zugeben als ich erst über einen Sandhaufen rumpele und dann schnell anhalten muss, als sich kleine, sandige Augen aus dem zugehörigen Schlagloch vor mir pellen. Ein Gürteltierkind. Vielleicht gerade flügge, denn eine Mutter von dem Kleinen ist nicht in Sicht. Ohhhh… so süüß. Vorgestern hatten wir schon eine Gürteltiersexparty. Also äh.. wir haben eine Gürteltierparty GEFUNDEN. Das könnte sonst missverstanden werden... Zwei vögelnde Gürteltier-Pärchen liefen auf der Straße und diverse Satellitenmännchen schwirrten um sie herum und warteten, dass eine Dame frei wird. 

Eines der Weibchen legte sich nach dem Akt auf den Rücken und bedeckte sich mit einer dünnen Schicht Sand, die kurzen Beinchen in die Luft gestreckt. Abkühlung??? Ein Rätsel diese Viecher. Als Oma stelle ich mir dann immer einen Klappstuhl zwischen die Gürteltierlöcher, kühles Bier im Dosenhalter und komme ihrem Treiben auf die Spur. Bis dahin können wir uns noch wundern und staunen. Als Oma kann ich nämlich eh dieses ganze Kamerafallengedöns nicht mehr machen. Da würde ich bei den aktuellen  37 °C ja nach maximal 20 Meter ohnmächtig vom Quad fallen. Mache ich jetzt ja schon fast. Dickste Mittagshitze- die anderen sitzen schon längst beim Essen. Oh Mann…

Nachmittags: Schnauze voll. Ich geh zum Fluss. Bei der Hitze sitzen die Ameisenbären eh alle im Wald und ich brauch mal Pause. Hatte seit ich in Brasilien angekommen bin noch überhaupt keinen freien Nachmittag. Also ein Bier in den Rucksack und mit dem Kajak flussaufwärts bis zu meiner geliebten Sandbank. Immerhin gibt’s dank dem ganzen Sandgedöns hier auch den perfekten Strand. Und an dem ist man dann ganz alleine. Also fast… ein paar Hokkos gockeln noch rum, ein paar Kaimane genießen die letzten Sonnenstrahlen, neben meinem Handtuch frische Pumaspuren. Boah. Das Wasser ist der Traum. Schön kühl bei der ganzen Hitze. Toter Mann spielen, über mir der rosa Himmel und die Schwalben die im Abendlicht über mich hinweg sausen. Dann auf der Sandbank Sonnenuntergang angucken bis die Sonne weg ist und man schlagartig überhaupt nicht mehr allein am Strand ist sondern in einer Moskitowolke Richtung Kajak hechtet. Anfängerfehler. Das wäre dann wohl mal wieder einer der Klassiker.

 

Vielleicht fallen in einer Natur in der Flut und Trockenzeit und sonstige Dynamik eigentlich alles immer verändert die Konstanten einfach besonders auf?

 

Übrigens gräbt der arme Premiumvolontär-Klaus gerade ein zwei Meter tiefes Loch in besagten Sand für die Geologen. Die kommen morgen und wollen die Stratifikation des Bodens hier untersuchen. Bei ihrem letzten Besuch konnten sie zeigen, dass der Sand in einem Meter Tiefe schon viele tausend Jahre alt ist! Das wäre dann wohl wieder eher undynamisch. Naja ich gebe auf das Ganze in Konstanten und Variablen einzuteilen. Ist ohnehin auf Sand gebaut. Das Kind, das von Lucas beim Mittagessen verschaukelt wurde, glaubt jetzt zumindest Klaus würde wegen seiner geringen Körpergröße für alle Zeiten in dem Loch festsitzen und müsste fortan dadrin mit Essensresten versorgt werden. Haha.

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Klebrige Paralleluniversen

Sitze im Haus und bewache Melone, den Babykater. Der ahnt noch nichts, wird aber gleich kastriert. Das arme Ding. Ich bemühe mich wenig tröstend zu wirken, damit er keinen Verdacht schöpft. Fällt mir aber schwer denn die OP wird vom Jaguar-Veterinärmediziner durchgeführt. Der ist natürlich größeres gewohnt. Ich hoffe der kommt rein motorisch auch im Miniaturwunderland der Hauskatzenklöten zurecht. Also balanciere ich bis dahin das Katzenkind auf dem einen Arm und versuche mit dem anderen die Blogfunktionen hier zu durchschauen. Tricky. Beides. Aber wird schon.

Hämische Sensationstouristen im Pantanal
Hämische Sensationstouristen im Pantanal

Abgesehen von den Babykatzen kann ich nach einer Woche im Pantanal resümieren: Alles wie immer. Auch nach neun Monaten in Deutschland. Sogar unsere angebrochene Zuckertüte vom letzten Jahr steht noch unverändert im Kühlschrank. Und der Jeep lässt mich gleich am ersten Tag Kamerafallenaufstellen mal wieder im Stich. Mitten oben auf der großen Ebene in der prallen Mittagssonne entscheidet sich der Anlasser das Auto nicht mehr anzulassen. Also peinlich berührt Fernando anfunken, auch schon ein Klassiker, der dann laut lachend nach einer Stunde angereist kommt, zwei Minuten an einer Schraube unterm Auto rumfummelt und dann fährt das Auto wieder. Wie immer. Sensationstourismus gibt's auch hier im Nirgendwo: Eine Hirschkuh kommt angestiefelt und beobachtet neugierig das Spektakel. 

Im Wald renne ich in einen schlafenden Tapir rein der laut stampfend seiner Entrüstung Luft macht und mich vor Schreck beinahe dem Herztot erliegen lässt. Auch nix Neues.

Ich lehne mit Paulo, dem Gärtner, vor der Küche. Er ist vor vier Jahren von Fazenda Barranco Alto weggegangen um auf einer anderen Farm zu arbeiten und jetzt wieder zurück gekommen. Und bestätigt: Auch nach vier Jahren bleibt alles beim Alten. Er amüsiert sich vor allem über den Stock, den man gegen das Tor stemmen muss damit es offen stehen bleibt: Seit über sieben Jahren das exakt gleiche Stück Holz. Ich liebe das. Ein sicherer Hafen, Paulo meint der Rest der Welt könne untergehen und man würde sich hier maximal wundern, dass keine Gäste mehr kommen und das Internet ausbleibt. Als abends im altbekannten Farbinferno die Sonne untergeht und die Hyazintharas laut kreischend davor vorbeifliegen, fühlen sich Köln, Rio und alles war zwischen meinem letzten Tag im Pantanal im letzen Jahr und jetzt und hier liegt sehr, sehr weit weg und irgendwie surreal an. Sogar der Flug von Rio nach Campo Grande- gefühlt eine halbe Ewigkeit her, in Wahrheit nur zwei Tage.

Genau zum Anstoß des Viertelfinales Deutschland gegen Italien bestiegen wir in Rio das Flugzeug. Na herzlichen Glückwunsch. Immerhin: Eine Gangsterclique aus São Paulo, finstere Rapper, sitzen vor uns und haben zumindest bis der Flieger in der Luft ist, Fußball auf dem Telefon. Natürlich, wie in allen fahrenden Fortbewegungsmitteln, schlafe ich sobald das Flugzeug gestartet ist tief und fest ein und wache von einer komischen Unruhe im Flugzeug und von einer etwas seltsamen Durchsage des Kapitäns auf. Von wegen das Flugzeug würde demnächst dann abstürzen. Da die Stewardess weiterhin Cola verteilt gehe ich aber davon aus, dass dieser Fall nicht zeitnah eintritt. Als ein entzürnter Chef-Steward einem der Gangster vor uns eine rote Karte in die Hand drückt (EM jetzt im Flugzeug?!) wird klar: Ein etwas makabrer Witz, die bösen Jungs haben das Mikrophon des Kabinenpersonals missbraucht und eine Durchsage des Piloten fingiert. Nach der Landung müssen wir dementsprechend erstmal auf die Polizei warten, als die kommt versucht ein Passagier ein Foto mit dem Handy von der Festnahme zu machen, der Gangster springt den Fototypen an, schlägt ihm ins Gesicht, Blut fließt, Handgemenge, im Flugzeug schreien alle durcheinander, auf dem Telefon beim anderen Gangster vor uns wird währenddessen bei der EM gerade das Elfmeterschießen eingeleitet. Neuer macht sich warm. Eine etwas andere Form des Public Viewings... 

Dann die achtstündige Fahrt zur Farm, 42 Kuhgatter die auf und zu gemacht werden müssen, fünf Gürteltiere, fünf Ameisenbären, zwei mit Baby, auf dem Dach des überladenen Autos zwei Kanus und diverse Kinderstühle wacklig zusammengebunden.  Als wir ankommen ist es schon dunkel. Alle versammelt in der Küche- Marina, Lucas, Lauro, Stefan, Vava, alle etwas überdreht vor Wiedersehensfreude, fast wie das Schlussfoto von Lassie, meint Klaus. In dem Fall aber eher das Anfangsfoto für diese drei Monate im Pantanal. Claudia kommt von der Nachmittagssafari zurück und Lauro streitet mit ihr über die Installation einer Pole Dance Stange (Poli Danssi) im Forscherhaus. Auch hier: Alles wie immer. 

Und ich weiß: Wenn ich erst nach Köln zurück kehre wird sich dort das letzte Bier am Bahnhof ziemlich nahtlos an das erste Bier, vermutlich auch am Kölner Bahnhof, anschließen und dann erscheint dieses Universum hier wieder so weit weg und fast wie ein Traum. Vielleicht weil die beiden Welten kaum miteinander vergleichbar sind. Alles anders, das produziert einen sauberen Schnitt, den man bekanntermaßen leichter wieder zusammenkleben kann als ausgefranste Enden. Wie bei einer Musikkassette. Es bleibt nur ein komischer Sprung im Song. Bei unserer Mixkassette "Gardasee 2000" war das immer bei "If you're going to San Francisco". Da hatte das Kassettendeck von Anne's VW-Bus einmal Bandsalat produziert, also wurde geklebt. Die Kassette haben wir danach so oft gehört, dass mir die Originalversion ohne den kleinen Sprung noch heute komisch vorkommt. Ähnlich dürfte es mit den kleinen Sprüngen durch die verklebten Paralelluniversenenden in meiner Realität sein.

Soviel dazu. Ameisenbären? Schon diverse gesehen. Unter anderem ein Weibchen das im letzten Jahr seine Mühe mit dem Nachwuchs hatte. Das Baby hat sich nie gescheit im Fell festgehalten und flatterte dann in waghalsigen Positionen an einer Seite hinterher. Muss nervig gewesen sein, dieses Jahr ist sie schön entspannt unterwegs- ohne Baby. Schnauze voll... vermutlich.

 

Soweit das Büttchen Bunt von hier, jetzt wird hier erstmal der Kater kastriert.

Tschö.

Ps.: Neu übrigens meine tolle Kamera. Nikon. Damit kann ich endlich auch nachts gescheite Fotos von Ameisenbären machen- früher habe ich da immer viele Daten verloren. Und wenn man keinen Bock auf Computerarbeit hat, kann man mit der Kamera vorzüglich mit dem komplizierten fotografieren der Kolibris vor dem Fenster prokrastinieren:

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