Lydia's Blog aus dem Pantanal


**Rio de Janeiro Breaking News** Weihnachtsmann nachweislich in Geldwäsche involviert!

Pah, Rio. So unverschämt schön. Müssen die Entdecker ja große Augen gemacht haben, als sie die Buchten und Felsen und Strände und Fregattvögel überm Küstendschungel sahen. Genau wie bei den Iguaҫu-Wasserfällen: Die Vorstellung sich wochenlang einer Indianer-Legende folgend durch den Regenwald zu schlagen, dann immer lauter das Grollen zu hören das den Fällen ihren Namen verpasst hat, und dann plötzlich vor diesem unfassbaren Naturspektakel zu stehen. Wahnsinn. Wobei Köln ja in diesem Jahr auch einen Sommer abgeliefert hat der sich gewaschen hat. Ist zwar ein bisschen Äpfel mit Birnen vergleichen, aber das soll ja hier keine Lobhudelei für das Gras auf der anderen Seite des Zauns sein.

 

Auf jeden Fall ist Rio ein alter Angeber. Ein bisschen wie seine Bewohner zeigt es gerne was es kann und hat und abends ist es erst zufrieden wenn auf den Felsen vom Arpoador, wo sich alle treffen um den Sonnenuntergang anzuschauen, nach einer wieder mal maßlos übertriebenen Farbexplosion der Applaus aufbrandet. 

Heute habe ich Rios Schönheit dann ganz zu seiner Zufriedenheit ausgiebig bewundert: morgens quer durch die Favela Virdigal auf einen der „Zwei Brüder“ gestiegen. Das ist einer der zwei Berge auf die man vom Strand in Ipanema guckt, und von denen man dann logischerweise auch auf den Strand von Ipanema runter guckt und abgesehen davon aber zusätzlich auf einen ganz schön großen und dekorativen Rest von Rio. Anstrengende Sache das, darum danach erstmal eine sehr amtliche Strandcaipirinha mit Maracuja und diverse verbrannte Käselutscher am Strand verdrückt. Das fühlt sich mit Blick auf den echt hohen Berg auf den man an diesem Tag schon gelaufen ist direkt viel gerechtfertigter an, da kann man dann auch guten Gewissens einfach noch eine weitere Caipirinha bestellen. Mit zwei ordentlichen Caipis intus fällt die Kletterpartie auf die Felsen vom Arpoador zum standesgemäßen Sonnenuntergangbewundern etwas abenteuerlicher aus als sonst, der Applaus nach dem die Sonne weg ist dann aber auch gleich viel frenetischer. 

Bei abklingender Wirkung verlangt der geplante Gang zur Bar „Bip Bip“, in der es nach einem Tipp vom Schwesterherz super sein soll, einem dann so einiges an Überwindung ab. Aber ich ziehe es durch, denn dort gibt’s quasi jeden Abend mehr oder eher weniger organisiert Live Musik unter strengem Regiment von Alfredinho. Das ist ein knuffiger, bärtiger, etwas weihnachtsmannesquer Opa, der auf drei aufeinander gestapelten Plastikstühlen vor seiner Bar thront. Jeder der kommt oder einfach vorbei läuft herzt, küsst und umarmt Alfredinho und dann freut er sich und strahlt stolz in die Runde. Zumindest wenn man kein Parfum aufgetragen hat. Das ist hier nämlich verboten, denn Alfredinho ist dagegen allergisch. Zugehöriges Parfum-Verbotsschild hängt laminiert direkt über seinem Thron. Neben dem Schild, dass „absolut, auch nicht eine Kreditkarte“ für die Bezahlung akzeptiert würde. Links davon der Hinweis, dass die Stille der größte Applaus für die Musiker ist. Irgendwo muss da eine Grundschullehrerin ihre Finger im Spiel haben, so viele Schilder wie hier laminiert wurden. Was die Stille betrifft ist Alfredinho eisern. Wer es wagt sich während der Musik laut zu unterhalten wird sofort zurecht geschuscht. Anstelle von klatschen wird geschnippt. 

Um Alfredinho herum ist seine Kommandozentrale aufgebaut: Zwei Festnetztelefone die ständig leise (!) klingeln, ein Faxgerät, Bürozubehör und ein Wust an mysteriösen Listen die immer wieder interessiert von Passanten und Gästen studiert werden. Hier laufen die Fäden im Viertel zusammen. Ganz klar. Die winzige Bar selbst hat nur einen Tisch und da sitzen die Musiker dran. Heute Bossa Nova Jam Session, das Publikum kann jede Zeile mitsingen. Bier holt man sich selbst, meldet sich beim ersten bei Alfredinho an, der trägt den Namen in eine seiner Strich-Listen ein und reckt dann nur noch den Daumen wenn man mit einem neuem aus der Bar kommt. Ist notiert. So weiß er ganz genau wer in seiner Bar ist, wieviel jeder trinkt und wie derjenige heißt. Sein kleiner Kosmos. Bei ihm mit am Tisch sitzt ein alter Casanova der nicht mehr so gut auf den Beinen ist, es aber meisterlich beherrscht diesen Umstand zu vertuschen: Wenn er mal aufstehen muss, gibt er der nächstbesten Frau einen Kuss auf die Hand und zieht sich währenddessen unauffällig an selbiger hoch. Mega Trick.

 

Schon witzig aus wie vielen Paralleluniversen sich unsere Welt zusammensetzt von denen wir selbst nur einen Bruchteil kennen. Jedes einzelne zusammengesetzt aus vielen Galaxien um die kleinere Sonnensysteme rotieren. Alfredinho ist definitiv Sagittarius A*, also das Massezentrum dieser Bip-Bip-Bar-Galaxie im Paralleluniversum der Copacabana. 

Auch wenn ich nach dem ersten Bier gleich wieder gut in Schwung geraten bin, leider relativ frühe Abreise meinerseits (morgen Flug nach Campo Grande), unter ausgiebigem lamentieren von Alfredinho. Unsere Hochzeit ist für meine Rückkehr nach Rio in drei Monaten angesetzt. Hände und Gesicht noch von Alt-Herrenküssen benetzt, will ich noch rasch eine Flasche Wasser im nächsten Kiosk kaufen. Leider werden dort meine Geldscheine nicht akzeptiert: Das Wechselgeld, das ich von Alfredinho bekommen habe, ist komplett mit Schokolade eingematscht. Was auch immer er damit getrieben hat. So ist das vielleicht, wenn man mit dem Weihnachtsmann Geschäfte macht. Man kommt sich schon doof vor, wenn man Geldscheine mit Duschgel einreibt um Schokolade abzuwaschen. Brasilianische Geldwäsche mal anders…

Angekommen in Campo Grande, in froher Erwartung von einigen bitter nötigen Freundinnentagen mit Carol bevor es endgültig zur Farm geht, ist erstmal mein Koffer verschwunden. Ja super. Die Aussicht, drei Monate in schlechtsitzenden Hosen die hektisch hier im Einkaufszentrum gekauft wurden zu verbringen, versetzt mich ein bisschen in Stress. Während ich am Schalter die Suchanzeige aufgebe und mit meinem Schicksal hadere, wird alles aber sehr bald relativiert: Am Lost-and-Found-Schalter nebenan wurde nämlich eine verlorene Oma abgegeben, die jetzt gerade verzweifelt mit ihrem Sohn telefoniert. Der hat ihr aus Versehen ein Ticket nach Campo Grande anstatt nach Campinas Grande in Paraíba gekauft. 3000 Kilometer Unterschied, wohlgemerkt. „Ich bin hier in Mato Grosso do Sul!“ ruft sie in den Hörer. Das Mädel hinterm Schalter, das gerade meine Suchanzeige notiert raunt mir zu, sie habe gedacht schon Suchanzeigen für alle Dinge die möglicherweise verloren gehen können geschrieben zu haben, aber nein. Eine Oma gab’s bisher noch nicht. Ich würde ja gerne mal das Formular mit der Beschreibung der Fundsache sehen…

 

Da ist mir der verlorene Koffer doch lieber. Taucht auch abends wieder auf, als ich gerade gemütlich mit Carol eine riesige Pizza verdrücke: Es klingelt an der Tür, in der Gegensprechanlage wird die Lieferung des Koffers angekündigt, als ich das Hoftor öffne steht da mein Koffer ganz allein auf dem Gehsteig und sagt „Hi Lydia, ich bin dein Koffer, ich hab dich vermisst, hihi hihihihi…“. Der Liefertyp kommt aus einem Winkel in dem er sich für diesen tollen Scherz versteckt hatte und feiert sich ausgiebig dafür. Man muss sich seine Arbeit halt nur lustig machen…

 

Morgen um vier Uhr abreise zur Farm. Juhuuuu! 

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Am Ende ist Rio auch nur Köln...

Dass man in Brasilien ist merkt man spätestens, wenn einen hinterm Gate die unverkennbare Kombi aus gewagter Elektroinstallation mit pingelig sauberen Toiletten begrüßt. Erstere kommt in Gestalt einer ohnehin schon scheppen Alarmlampe daher, die dann aber auch noch schief in einem Loch hängt das falsch in die Edelholzimitation aus Sperrholzplatten gesägt wurde. Brazil in a Nut-Shell.

 

 

Die Klos haben dann eher was von einer sterilen, stylishen Zahnarztpraxis. Frage ich mich ja immer, wie das bei uns auf Brasilianer wirken muss: Die reisen nach Deutschland in Erwartung des so vielgepriesenen Landes mit hoher Effizienz, wo sowieso alles ordentlicher als in der brasilianischen Bagunҫa ist und dann begegnet ihnen als erstes eine deutsche öffentliche Toilette. Nun ja.

Vermutlich kann da nur noch der Gebrauch eines deutschen Staubsaugers die Erwartungen wieder zurechtrücken. Ich habe mir jedenfalls vor meiner Abreise einen Miele Staubsauger von meinen Nachbarn in Köln geliehen, musste ja meine Wohnung wieder für einen Zwischenmieter herrichten. Bei dem ganzen Staub gedacht viel hilft viel, also den auf volle Möhre gestellt und dann faltete sich das Raum-Zeit-Kontinuum einmal in einen Staubsaugerbeutel in der Erfstraße in Köln ein und erst wieder aus, nachdem ich panisch wieder ausgestellt hatte. Huch! Regler runtergedreht, angeschaltet, eine Plastiktüte auf meinem Bett setzt sich aus ziemlich großer Distanz in Bewegung und wandert lärmend vorne in den wilden Sauger. Wieder ausschalten und die Plastiktüte da wieder rausprukeln. Regler noch weiter runter gedreht, jetzt ist es ein bisschen, als würde man mit einem Hund auf einer Fressmeile spazieren gehen. Alles was irgendwie rumliegt wandert ins Maul und muss ihm mühsam wieder abgerungen werden. Aber gut, heißer Ritt, Waffenschein für Miele Haushaltsgeräte sollte mal angedacht werden.

Irgendwann ist dann aber die Wohnung sauber, die Kisten verpackt, der Koffer gepackt, der 40 Geburtstag meines Cousins in Ostwestfalen gefeiert, die Steuererklärung eingereicht, die 38000 Verabschiedungsveranstaltungen mit vielen lieben Leuten gefeiert, wie jedes Jahr haufenweise Lesebrillen im 1 € Laden für die Leute auf der Farm gekauft, wie jedes Jahr Zigarren für Lauro im Tabakladen am Rudolfplatz (in dem man als weiblicher Kunde eine große Sensation darstellt) gekauft, wie jedes Jahr zum Metzger gefahren um Würste für Lucas zu kaufen. Ach nein. Lucas ist dieses Jahr ja nicht mehr auf Fazenda Barranco Alto. Er wohnt jetzt mit Marina und den Mädchen in der Schweiz, und erstmalig habe ich keine großangelegte Wurstbestellung vorliegen. Die zu erwartenden Veränderungen werfen so vor dem Wurstfachgeschäft in Köln ihre Schatten voraus. Und das wo sich die Metzgersfrau doch immer so freut, wenn sie wieder für Brasilien die Wurst vakuumieren darf. Etwas ratlos lungere ich vor dem Laden herum und kaufe am Ende doch einfach nochmal Wurst. Kommt schon weg- die Wurstfachverkäuferin ist ähnlich erschüttert wie ich, dass Lucas nicht mehr dort sein wird. Immerhin absolvieren wir den traditionellen Kauf seit nun schon 7 Jahren! Als Finale noch Haribo und Schokolade in den Koffer packen, 1,2,3,4,5,6 Kölsch zum Abschied mit meinen liebsten Lieben an der Bierschwemme im Bahnhof trinken, dann Zug, Flugzeug, Brasilien.

Beim Landeanflug in Rio de Janeiro herrscht die übliche Enttäuschung, dass der geliebte Langstreckenflug schon wieder vorbei ist. Ich hab ja nur zwei Filme geguckt und gar kein Skat auf der App gespielt! Mal wieder viel zu fest nach dem ganzen Stress geschlafen. Bei den ganzen winzigen Lichtern der Millionenstadt, die unterm Flugzeug vorbei ziehen, fällt mir der alte Cowboy im Pantanal ein: Als der zum ersten Mal im Flugzeug saß hat er sich über die vielen weißen Mäuse am Boden gewundert... Waren in Wahrheit die weißen Rinder, der bekam nur die Relationen nicht klar. Wären die Menschen da unten nur so groß wie Mäuse, wären die Probleme mit der Zerstörung der Erde vielleicht kleiner. Aber das hält vermutlich auch keiner näheren Betrachtung stand. Vermutlich wäre dann auch die Geburtenrate deutlich höher und die Biomasse am Ende die selbe und somit hätte man den gleichen Salat.

 

 

Wie auch immer. Erste Amtshandlung in Rio ist die traditionelle Hühnersuppe im Galetos. Die beste auf der Welt und meine Mutter macht schon eine sensationelle Hühnersuppe. Am Nachbartisch werden lautstark Saufgeschichten rekonstruiert. Man ist sich nicht einig ob das jetzt Karneval war oder nicht.

 

Am Ende ist Rio halt auch nur Köln…

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Vom Himmel gefallen

Stehe mitten im Wald, eine hier aufzustellende Kamerafalle in der Hand, als mir ein goldenes Flauschbällchen aus dem Himmel vor die Füße purzelt und mich entsetzt anstarrt. Äh. Bei 36 °C im Zeckeninferno arbeitet das Gehirn zugegeben etwas langsam. Ich starre verständnislos zurück, kann nicht einsortieren was ich da gerade sehe. Schweift das Gehirn übersprungshandlungsmäßig ab…

 

Wann ist es eigentlich wieder so heiß geworden? Erst eine Woche ist es her, dass ich beim Kamerafalleneinsammeln vom Megaunwetter überrascht wurde. Temperatursturz von 38 °C auf 17 °C. Strömender Regen aus dem eben noch wolkenlosen Himmel, ich (mal wieder mit Kamerafalle) irgendwo im Wald und auf einmal schlagen rund um mich rum Blitze ein. Ich muss wie eine Blöde durch den Dornenwald Richtung endlos weit weg geparktem Auto rennen. Bis ich da bin, bin ich nass bis auf die Unterhose und die Schienbeine komplett zerkratzt. Im Auto dann ja zumindest vor Blitzen sicher. Faradayscher Käfig, blablabla. Stellt  sich allerdings die Frage wie laut der Knall ist, wenn der Blitz im Auto einschlägt? Ich halte mir mal pro forma die Ohren zu. Sonst überlebe ich zwar den Einschlag, bin aber taub. Ich beobachte wie wunderschön sich die Blitze durch den Regenschleier im Salzsee reflektieren. Parke das Auto dann noch ein Stückchen vom Wald weg- wenn der Blitz zwar vom Metall umgeleitet wird, mich im Anschluss aber ein Baum erschlägt, habe ich ja auch nix dazu gewonnen. Dann wäre zu allem Überfluss auch noch das AUTO KAPUTT! Wäre immerhin stilecht, wenn ich noch eins von Lucas Autos mit ins Grab nehmen würde. Á propos: Würde bei einem Einschlag wohl die Elektrik kaputt gehen? Faradayscher Käfig hin oder her?

 

Ich freue mich ja über Regen in der ganzen Trockenheit, aber muss das IMMER an dem Tag sein an dem ich meine Kamerafallenaktion habe, also stundenlang in der Pampa rumhampeln muss, während zuhause zu allem Überfluss die frisch gewaschene Wäsche auf der Wäscheleine versucht zu trocknen?  Vor zwei Wochen beim Kameraaufstellen schon der gleiche Blödsinn. Da bin ich mit dem schlechtgelaunten Pferd und einem Haufen Kamerafallen im sturzbachartigen Regen gelandet. Von der Regenhülle des Rucksacks lief alles hinten in die (letzte saubere) Hose und wenn man vom Pferd abstieg, der Matsch in die letzten trockenen Schuhe.

 

Und dann wurd’s wieder heiß. Diesmal ist es beim Kamerafallenaufstellen SEHR weit davon entfernt zu regnen. Keine Wolke in Sicht. Murphys Law, diesmal habe ich meine Wasserflasche expertenmäßig in der Küche stehen lassen und dürste so den ganzen sonnigen Vormittag vor mich hin. Mittlerweile, wie gesagt, 36 °C im Zeckenwald und vor mir das goldene Knäuel das gerade motzend auf eine Palme klettert. Ein Brüllaffenkind. Ist irgendwie aus dem Baum gefallen, oben in den Wipfeln schimpft lautstark der Rest der Brüllaffenfamilie, der Name ist Programm. Motzen die wegen mir???! Als ob ich was dafür könnte, dass die ihre Aufsichtspflicht verletzt haben! Vielleicht bemängeln sie aber auch die mangelhaften Kletterkünsten des Affenkindes.  

 

Die kleine Fuddelpalme mit den dünnen Wedeln, die sich das Kleine ausgesucht hat um zur Verwandtschaft in den Bäumen zu steigen, ist zum Beispiel nicht gerade die beste Wahl. Das Palmblatt an dem es sich hochkämpft neigt sich unweigerlich wieder zu Boden und dann steht es wieder ratlos vor mir. Nächster Versuch, wieder die doofe Palme, diesmal hat er Glück und das Palmblatt wippt mit dem kleinen Affen auf der Spitze rüber zu einem Baumstamm. Den klettert er hoch, dann auf einen Zweig der ganz offensichtlich eine Sackgasse ist, ratloses Rumgehangel auf viel zu dünnen Zweigen, also wieder zurück, anderer Ast, anderer Baum, ganz offensichtlich müssen auch Affenkinder erstmal Klettern lernen. Nach vielem Hin- und Her schafft es der Kleine endlich zu seiner Mama. Puh! Vorwurfsvoll lugt er hinter ihrem Rücken zu mir runter, dann zieht sie ihn an sich heran und er kuschelt sich an ihren Bauch und beginnt zu säugen.

 

Happy End.

 

 

Auch für mich- das war die letzte Kamerafalle, die noch aufgestellt werden musste. Kann ich endlich nach Hause fahren. Durst!!! Ich Depp mit ohne Wasser. Nö, die Flasche steht ja schön kühl in der Küche. Aber wir sind ja immerhin im Feuchtgebiet. Da wird man ja wohl kaum verdursten. Nehme aus dem Wald eine große Schale der Ximbó Nuss mit, stapfe durch das sumpfige Ufer des nächstbesten Süßwassersees um Wasser zu schöpfen. Schmeckt scheiße und man kommt sich denkbar dämlich dabei  vor- Rüdiger Nehberg für arme. Und die nach dem letzten Regen gerade getrockneten Schuhe wären dann mal wieder nass. Soviel dazu. 

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Anakonda mit Ara im Schwitzkasten

Claudia ist mit zwei italienischen Gästen noch nicht von ihrer morgendlichen Safari mit dem Jeepinho zurück gekommen. Wir hängen kurz vor dem Mittagessen hungrig unterm Mangobaum rum, latent besorgt auf einen Funkspruch wartend, denn bei so einer Verspätung liegt die Vermutung nahe, dass der Jeep wieder den Geist aufgegeben hat. Der geht ja bekanntermaßen gerne mal kaputt. Wer wenn nicht ich kennt sich damit aus. Tatsächlich bricht er aber nicht nur mir unter dem Hintern auseinander, sondern auch allen anderen. Edson der Chefcowboy sagt immer: "Der Jeep lässt die Leute zu Fuß im Feld." Bisschen gemein. Meistens funktioniert das Auto ja und WENN es funktioniert ist es das großartigste Auto das es gibt. Nichts gegen meinen Jeep.

 

Gut. Zugegen hat Edson schon ein bisschen recht- erst kürzlich hielten wir abends im Dunkeln neben dem Baumstamm an, in dem die blöde Vogelspinne wohnt (blöd, weil sie sich meistens in ihrem Loch versteckt und dann leise da unten drin kichert wenn wir wieder extra um sie zu sehen einen unnötigen Umweg gefahren sind). Diesmal hörte man es noch etwas lauter kichern, denn offensichtlich ist sie nicht nur wie immer im Loch abgetaucht, sondern hat uns zusätzlich die vier Schrauben der Kardanwelle vom Jeepinho geklaut. Zumindest klackert er nach dem kurzen Stopp nur laut anstatt loszufahren. Unterm Auto hängt alles lose, keine Spur von den fehlenden Schrauben, schön. Alle haben schon Feierabend, niemand hört unsere Hilferufe im Funkgerät. Extrarunde zu Fuß gewonnen. Eine halbe Stunde durch den nächtlichen Sand bis nach Hause. Hat man gleich am nächsten Morgen auch was zu tun- neue Schrauben in die Welle schrauben um den Jeep heile wieder nach Hause fahren zu können. Während Klaus unter dem Auto robbt und ich die Frauenrolle in Form von dekorativem Anreichen der Schraubenzieher erfülle, kommt noch der Sensationstourismus, diesmal in Form von Cowboy Tom auf seinem Pferd, vorbei getrabt.

 

Aber...äh... ich schweife ab. AUF JEDEN FALL funkt Claudia, die ja im Feld verschollen ist, jetzt tatsächlich. Allerdings nicht, um wie befürchtet den neuerlichen Zusammenbruch des Jeeps zu verkünden, sondern weil sie eine Gelbe Anakonda entdeckt hat die einen Blau-Gelben Ara stranguliert. Anakondas sieht man selten und erst recht eine Anakonda die einen Papageien am Wickel hat, denn die Schlange wohnt im See und der Ara normalerweise auf dem Baum. Wenn der Ara allerdings am Seeufer trinken geht, kann das auch schonmal anders aussehen... Jetzt geht auf einmal alles ganz schnell. Ich kann gerade noch meine Kamera schnappen dann sitzen schon Gäste, Forscher und Lucas auf der Toyota auf dem Weg zur Schlange. Laut Claudia ist die fast um die Ecke von der Farm, im See der "drei Brüder", benannt nach den drei Palmen an seinem Ufer. Tatsächlich sieht man schon von weitem glänzende, verknotete, gelb-schwarz gepunktete Schlingen um einige traurige, nasse Federn gewunden.

 

Enorm. Der arme Ara. Und trotzdem unfassbar so eine riesige Schlange in Bewegung zu sehen zu sehen. Sie hat den Kiefer ausgehängt um den Papagei demnächst ins Maul zu stopfen. Unter der Haut sieht man die Muskeln arbeiten. Mindestens vier Meter lang, schätze ich. Wir stehen alle bis zu den Knien im schlammigen Wasser des Sees und staunen. Die Schlange lässt sich nicht stören. Justiert nochmal ihre Position nach, ruht zwischen drin immer wieder aus. Anstrengende Angelegenheit... Hat sie den Ara erstmal verschluckt verdaut sie mehrere Tage an der Riesenportion. Vielleicht pietätlos, aber ich bekomme bei dem Anblick ja Hunger. Ist ja immerhin Mittagsessenzeit.

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Auf Sand gebaut

Jung und knackig auf meiner ersten Festa Junina 2011
Jung und knackig auf meiner ersten Festa Junina 2011

Das mit dem „Nichts ändert sich“ hält natürlich keiner näheren Betrachtung Stand. Spätestens wenn ich über Fotos von der Farm und ihren Bewohnern von 2010 stolpere fällt unweigerlich ins Auge dass wir alle in den letzten sieben Jahren... ich sage mal… gut gereift sind. Wie ein Wein. Oder so... Vor allem die Kinder waren doch irgendwie noch Kinder als ich zum ersten Mal kam und sind jetzt schon richtige kleine Weiblein und Männlein. Caique, der als Kleinkind vor dem Forscherhaus in Windeln hinter den Gürteltieren her rannte geht jetzt zur Schule und reitet am Wochenende mit seinem Opa dem Chef-Cowboy und den anderen Männern zur Arbeit mit den Kühen.

Abgesehen davon fahre ich in die Tapera zum Kamerafallenaufstellen. Ein ca. 1000 Hektar großes Gehege im Osten der Farm. Auch hier hat sich eigentlich alles verändert. Wiesen wo Sand war, Büsche wo Wege waren, Bambus wo Palmen waren, Gras wo Seen waren, Seen wo Gras war. Die Natur im Pantanal steht genau genommen im totalen Gegensatz zu meiner postulierten Beständigkeit und verändert sich jedes Jahr in Abhängigkeit von Regen, Flut und Trockenheit. Schöne Überraschungen inbegriffen. Steht man unter anderem abends mit einem Auto voller chinesischer Touristen vor einer Waldeinfahrt die leider wegen unkontrollierter Wucherei nicht mehr zum Einfahren taugt und muss einen riesen Umweg nach Hause machen. 85 jährige Omma denkt sie müsse jetzt für den Rest ihres Lebens verloren durch das Pantanal streifen. Verwilderte Gäste zusätzlich zu verwilderten Hausschweinen? Egal.


...bei 36 °C hört der Spaß auf...
...bei 36 °C hört der Spaß auf...

Die Tapera hat in diesem Jahr wohl eher keine Lust auf Besuch und hat wie die Rosenhecke um das Dornröschenschloss dornige Zweige über die sandige Straße gewoben und hie und da mal einen Baum quer darüber geschmissen. Das ist natürlich blöd wenn man keine Wahl hat und dadurch muss. Immerhin bin ich mit dem Quad unterwegs. Mal wieder  Jochen Schweizer Wochen im Pantanal. Das Quad hat die halbe Spurbreite wie der Jeepinho und man kann eher um das ganze Gedöns rumnavigieren. Vermutlich würde man es technisch sogar irgendwie mit dem Auto dadurch schaffen, physisch würde mein Herz aber lange vor dem Jeep aus Angst vor kaputten Reifen  den Geist aufgeben. 

 

Wo die Straße von Baumtrümmern und wucherndem Gebüsch verschont wurde haben Gürteltiere ganze Arbeit geleistet. Scheißviecher. Die könnten überall graben- in den schönsten Wiesen, unter tollen Baumwurzeln, mit hübscher Aussicht neben dem See, aber nein, die bauen ihre Löcher immer genau da wo man langfahren will. Löcher und korrespondierende Sandhaufen soweit das Auge reicht. Vielleicht ist, da wo Autos und Traktoren drüber fahren, der Boden verdichtet und das Bauvorhaben im rieseligen Sandboden klappt nicht direkt zusammen wie Kölner Stadtarchive?! Um mal eine gewagte Theorie aufzustellen… Übrigens interessant: Die Wüstenstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate müssen den Sand für Bauvorhaben wie diese komische Palmeninsel in Dubai allen Ernstes in Australien und Indonesien einkaufen. Klingt absurd aber Wüstensand eignet sich nicht zum Bauen. Der ist zu rund und pappt nicht zusammen wie kantiger  Sand aus dem Meer. Irgendwie lustig. Kaufen die Araber, die zwischen endlosen Sanddünen sitzen, im großen Stil Sand ein. Irgendwie aber auch nicht lustig, den beim Baggern und Absaugen auf dem Meeresboden gehen A) viele Tiere und Wasserpflanzen drauf, B) entstehen Mulden die durch den Sand von Stränden und Ufern vom Meer wieder aufgefüllt werden. Gucken die Standresorts und Fischer in Indonesien ziemlich in die Röhre. Ganze Inseln können dann einfach unfreiwilliger Weise durch Strömungen abgetragen werden! 

Über Sand kann ich ausgiebig nachdenken, denn durch selbigen muss mittlerweile ich bis zur nächsten Kamerafallenposition 600 Meter weit stapfen. Wie ein Käselutscherverkäufer am Stand von Ipanema, man hat fast Lust den Kühen ein „QUEJO DE BRASA!“ entgegen zu brüllen. Die blockieren eh doof den Trampelpfad. Das Pantanal, zumindest das hier unten im Süden, ist ja auch ein einziger Sandkasten. Den Sand hat der Taquari Fluss im Laufe von mehreren Jahrtausenden hier im großen Stil hin getragen. Tatsächlich gab es mal Bohrungen nach Öl. Nach 500 Metern Sand gingen denen gottseidank die Bohrköpfe aus und das Projekt Ölgewinnung im Pantanal wurde ad acta gelegt. Kann man nur hoffen, dass er auch für arabische Bauvorhaben unbrauchbar ist… Dass der Sand 500 Meter und tiefer ist kann ich mir gut vorstellen wie ich da in unter der Hitze des Brasilianischen Winters (Winter…haha, ja genau) durch latsche. Der Wald, den ich auf den letzten Metern bis zur vorgegebenen Position durchqueren muss, war auch irgendwie mal offen und angenehm und hat sich jetzt mit dornigem Bambusgestrüpp und Zecken geschmückt. Leicht derangiert muss ich mir zurück beim Quad eingestehen, dass mein Plan ALLE Fallen aufzustellen wie immer etwas zu ambitioniert war. Abbruch der ganzen Aktion. Ich trete die Heimfahrt an. Muss ich morgen halt nochmal raus… Naja…

Gut erkennbar am unteren Bildrand: Das beeindruckende Geschlechtsorgan des Gürteltiermännchens.
Gut erkennbar am unteren Bildrand: Das beeindruckende Geschlechtsorgan des Gürteltiermännchens.

…Vielleicht werden Gürteltiere ja auch von den Achsen- und Stoßdämpferherstellern der KFZ-Industrie auf das ausschließliche Buddeln  auf Straßen abgerichtet und dann ausgesetzt. Denn: Ein Gürteltier macht viele Löcher auf der Suche nach Nahrung wie Wurzeln und Würmer und auch zum Bau der Heimresidenz. Der ehemalige Inhalt vom entstandenen Loch häuft sich als Sandhaufen daneben auf. Beides verbessert nicht unbedingt die Befahrbarkeit pantanesischer Straßen. Scheißviecher also. Aber ganz schön niedliche Scheißviecher muss ich zugeben als ich erst über einen Sandhaufen rumpele und dann schnell anhalten muss, als sich kleine, sandige Augen aus dem zugehörigen Schlagloch vor mir pellen. Ein Gürteltierkind. Vielleicht gerade flügge, denn eine Mutter von dem Kleinen ist nicht in Sicht. Ohhhh… so süüß. Vorgestern hatten wir schon eine Gürteltiersexparty. Also äh.. wir haben eine Gürteltierparty GEFUNDEN. Das könnte sonst missverstanden werden... Zwei vögelnde Gürteltier-Pärchen liefen auf der Straße und diverse Satellitenmännchen schwirrten um sie herum und warteten, dass eine Dame frei wird. 

Eines der Weibchen legte sich nach dem Akt auf den Rücken und bedeckte sich mit einer dünnen Schicht Sand, die kurzen Beinchen in die Luft gestreckt. Abkühlung??? Ein Rätsel diese Viecher. Als Oma stelle ich mir dann immer einen Klappstuhl zwischen die Gürteltierlöcher, kühles Bier im Dosenhalter und komme ihrem Treiben auf die Spur. Bis dahin können wir uns noch wundern und staunen. Als Oma kann ich nämlich eh dieses ganze Kamerafallengedöns nicht mehr machen. Da würde ich bei den aktuellen  37 °C ja nach maximal 20 Meter ohnmächtig vom Quad fallen. Mache ich jetzt ja schon fast. Dickste Mittagshitze- die anderen sitzen schon längst beim Essen. Oh Mann…

Nachmittags: Schnauze voll. Ich geh zum Fluss. Bei der Hitze sitzen die Ameisenbären eh alle im Wald und ich brauch mal Pause. Hatte seit ich in Brasilien angekommen bin noch überhaupt keinen freien Nachmittag. Also ein Bier in den Rucksack und mit dem Kajak flussaufwärts bis zu meiner geliebten Sandbank. Immerhin gibt’s dank dem ganzen Sandgedöns hier auch den perfekten Strand. Und an dem ist man dann ganz alleine. Also fast… ein paar Hokkos gockeln noch rum, ein paar Kaimane genießen die letzten Sonnenstrahlen, neben meinem Handtuch frische Pumaspuren. Boah. Das Wasser ist der Traum. Schön kühl bei der ganzen Hitze. Toter Mann spielen, über mir der rosa Himmel und die Schwalben die im Abendlicht über mich hinweg sausen. Dann auf der Sandbank Sonnenuntergang angucken bis die Sonne weg ist und man schlagartig überhaupt nicht mehr allein am Strand ist sondern in einer Moskitowolke Richtung Kajak hechtet. Anfängerfehler. Das wäre dann wohl mal wieder einer der Klassiker.

 

Vielleicht fallen in einer Natur in der Flut und Trockenzeit und sonstige Dynamik eigentlich alles immer verändert die Konstanten einfach besonders auf?

 

Übrigens gräbt der arme Premiumvolontär-Klaus gerade ein zwei Meter tiefes Loch in besagten Sand für die Geologen. Die kommen morgen und wollen die Stratifikation des Bodens hier untersuchen. Bei ihrem letzten Besuch konnten sie zeigen, dass der Sand in einem Meter Tiefe schon viele tausend Jahre alt ist! Das wäre dann wohl wieder eher undynamisch. Naja ich gebe auf das Ganze in Konstanten und Variablen einzuteilen. Ist ohnehin auf Sand gebaut. Das Kind, das von Lucas beim Mittagessen verschaukelt wurde, glaubt jetzt zumindest Klaus würde wegen seiner geringen Körpergröße für alle Zeiten in dem Loch festsitzen und müsste fortan dadrin mit Essensresten versorgt werden. Haha.

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