Klebrige Paralleluniversen

Sitze im Haus und bewache Melone, den Babykater. Der ahnt noch nichts, wird aber gleich kastriert. Das arme Ding. Ich bemühe mich wenig tröstend zu wirken, damit er keinen Verdacht schöpft. Fällt mir aber schwer denn die OP wird vom Jaguar-Veterinärmediziner durchgeführt. Der ist natürlich größeres gewohnt. Ich hoffe der kommt rein motorisch auch im Miniaturwunderland der Hauskatzenklöten zurecht. Also balanciere ich bis dahin das Katzenkind auf dem einen Arm und versuche mit dem anderen die Blogfunktionen hier zu durchschauen. Tricky. Beides. Aber wird schon.

Hämische Sensationstouristen im Pantanal
Hämische Sensationstouristen im Pantanal

Abgesehen von den Babykatzen kann ich nach einer Woche im Pantanal resümieren: Alles wie immer. Auch nach neun Monaten in Deutschland. Sogar unsere angebrochene Zuckertüte vom letzten Jahr steht noch unverändert im Kühlschrank. Und der Jeep lässt mich gleich am ersten Tag Kamerafallenaufstellen mal wieder im Stich. Mitten oben auf der großen Ebene in der prallen Mittagssonne entscheidet sich der Anlasser das Auto nicht mehr anzulassen. Also peinlich berührt Fernando anfunken, auch schon ein Klassiker, der dann laut lachend nach einer Stunde angereist kommt, zwei Minuten an einer Schraube unterm Auto rumfummelt und dann fährt das Auto wieder. Wie immer. Sensationstourismus gibt's auch hier im Nirgendwo: Eine Hirschkuh kommt angestiefelt und beobachtet neugierig das Spektakel. 

Im Wald renne ich in einen schlafenden Tapir rein der laut stampfend seiner Entrüstung Luft macht und mich vor Schreck beinahe dem Herztot erliegen lässt. Auch nix Neues.

Ich lehne mit Paulo, dem Gärtner, vor der Küche. Er ist vor vier Jahren von Fazenda Barranco Alto weggegangen um auf einer anderen Farm zu arbeiten und jetzt wieder zurück gekommen. Und bestätigt: Auch nach vier Jahren bleibt alles beim Alten. Er amüsiert sich vor allem über den Stock, den man gegen das Tor stemmen muss damit es offen stehen bleibt: Seit über sieben Jahren das exakt gleiche Stück Holz. Ich liebe das. Ein sicherer Hafen, Paulo meint der Rest der Welt könne untergehen und man würde sich hier maximal wundern, dass keine Gäste mehr kommen und das Internet ausbleibt. Als abends im altbekannten Farbinferno die Sonne untergeht und die Hyazintharas laut kreischend davor vorbeifliegen, fühlen sich Köln, Rio und alles war zwischen meinem letzten Tag im Pantanal im letzen Jahr und jetzt und hier liegt sehr, sehr weit weg und irgendwie surreal an. Sogar der Flug von Rio nach Campo Grande- gefühlt eine halbe Ewigkeit her, in Wahrheit nur zwei Tage.

Genau zum Anstoß des Viertelfinales Deutschland gegen Italien bestiegen wir in Rio das Flugzeug. Na herzlichen Glückwunsch. Immerhin: Eine Gangsterclique aus São Paulo, finstere Rapper, sitzen vor uns und haben zumindest bis der Flieger in der Luft ist, Fußball auf dem Telefon. Natürlich, wie in allen fahrenden Fortbewegungsmitteln, schlafe ich sobald das Flugzeug gestartet ist tief und fest ein und wache von einer komischen Unruhe im Flugzeug und von einer etwas seltsamen Durchsage des Kapitäns auf. Von wegen das Flugzeug würde demnächst dann abstürzen. Da die Stewardess weiterhin Cola verteilt gehe ich aber davon aus, dass dieser Fall nicht zeitnah eintritt. Als ein entzürnter Chef-Steward einem der Gangster vor uns eine rote Karte in die Hand drückt (EM jetzt im Flugzeug?!) wird klar: Ein etwas makabrer Witz, die bösen Jungs haben das Mikrophon des Kabinenpersonals missbraucht und eine Durchsage des Piloten fingiert. Nach der Landung müssen wir dementsprechend erstmal auf die Polizei warten, als die kommt versucht ein Passagier ein Foto mit dem Handy von der Festnahme zu machen, der Gangster springt den Fototypen an, schlägt ihm ins Gesicht, Blut fließt, Handgemenge, im Flugzeug schreien alle durcheinander, auf dem Telefon beim anderen Gangster vor uns wird währenddessen bei der EM gerade das Elfmeterschießen eingeleitet. Neuer macht sich warm. Eine etwas andere Form des Public Viewings... 

Dann die achtstündige Fahrt zur Farm, 42 Kuhgatter die auf und zu gemacht werden müssen, fünf Gürteltiere, fünf Ameisenbären, zwei mit Baby, auf dem Dach des überladenen Autos zwei Kanus und diverse Kinderstühle wacklig zusammengebunden.  Als wir ankommen ist es schon dunkel. Alle versammelt in der Küche- Marina, Lucas, Lauro, Stefan, Vava, alle etwas überdreht vor Wiedersehensfreude, fast wie das Schlussfoto von Lassie, meint Klaus. In dem Fall aber eher das Anfangsfoto für diese drei Monate im Pantanal. Claudia kommt von der Nachmittagssafari zurück und Lauro streitet mit ihr über die Installation einer Pole Dance Stange (Poli Danssi) im Forscherhaus. Auch hier: Alles wie immer. 

Und ich weiß: Wenn ich erst nach Köln zurück kehre wird sich dort das letzte Bier am Bahnhof ziemlich nahtlos an das erste Bier, vermutlich auch am Kölner Bahnhof, anschließen und dann erscheint dieses Universum hier wieder so weit weg und fast wie ein Traum. Vielleicht weil die beiden Welten kaum miteinander vergleichbar sind. Alles anders, das produziert einen sauberen Schnitt, den man bekanntermaßen leichter wieder zusammenkleben kann als ausgefranste Enden. Wie bei einer Musikkassette. Es bleibt nur ein komischer Sprung im Song. Bei unserer Mixkassette "Gardasee 2000" war das immer bei "If you're going to San Francisco". Da hatte das Kassettendeck von Anne's VW-Bus einmal Bandsalat produziert, also wurde geklebt. Die Kassette haben wir danach so oft gehört, dass mir die Originalversion ohne den kleinen Sprung noch heute komisch vorkommt. Ähnlich dürfte es mit den kleinen Sprüngen durch die verklebten Paralelluniversenenden in meiner Realität sein.

Soviel dazu. Ameisenbären? Schon diverse gesehen. Unter anderem ein Weibchen das im letzten Jahr seine Mühe mit dem Nachwuchs hatte. Das Baby hat sich nie gescheit im Fell festgehalten und flatterte dann in waghalsigen Positionen an einer Seite hinterher. Muss nervig gewesen sein, dieses Jahr ist sie schön entspannt unterwegs- ohne Baby. Schnauze voll... vermutlich.

 

Soweit das Büttchen Bunt von hier, jetzt wird hier erstmal der Kater kastriert.

Tschö.

Ps.: Neu übrigens meine tolle Kamera. Nikon. Damit kann ich endlich auch nachts gescheite Fotos von Ameisenbären machen- früher habe ich da immer viele Daten verloren. Und wenn man keinen Bock auf Computerarbeit hat, kann man mit der Kamera vorzüglich mit dem komplizierten fotografieren der Kolibris vor dem Fenster prokrastinieren:

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Kommentare: 2
  • #1

    Lydia (Samstag, 06 August 2016 09:51)

    Richtigstellung: Farmbesitzer L. möchte darauf hinweisen, dass besagtes Tor in diesem Jahr repariert wurde und man jetzt nicht mehr den guten, alten Stock verwenden muss. Anmerkung der Autorin: Stimmt. Dafür hängt das Tor an der Salina durch, Herr L.. Da könnte man mal was machen... :-D

  • #2

    Alex (Mittwoch, 14 September 2016 13:09)

    Oh wie schön, das es endlich einen Blog gibt! Ich bin heute erst darauf gestoßen und werde es gleich weiter empfehlen. Nerve eh schon alle bei mir im Bekanntenkreis mit "Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erzählt habe, aber es gibt da ein super Buch von einer Ameisenbär-Forscherin, das müsst ihr lesen..."
    Und manchmal machen sie das auch ;-)
    Grüße an alle im Pantanal!