Auf Sand gebaut

Jung und knackig auf meiner ersten Festa Junina 2011
Jung und knackig auf meiner ersten Festa Junina 2011

Das mit dem „Nichts ändert sich“ hält natürlich keiner näheren Betrachtung Stand. Spätestens wenn ich über Fotos von der Farm und ihren Bewohnern von 2010 stolpere fällt unweigerlich ins Auge dass wir alle in den letzten sieben Jahren... ich sage mal… gut gereift sind. Wie ein Wein. Oder so... Vor allem die Kinder waren doch irgendwie noch Kinder als ich zum ersten Mal kam und sind jetzt schon richtige kleine Weiblein und Männlein. Caique, der als Kleinkind vor dem Forscherhaus in Windeln hinter den Gürteltieren her rannte geht jetzt zur Schule und reitet am Wochenende mit seinem Opa dem Chef-Cowboy und den anderen Männern zur Arbeit mit den Kühen.

Abgesehen davon fahre ich in die Tapera zum Kamerafallenaufstellen. Ein ca. 1000 Hektar großes Gehege im Osten der Farm. Auch hier hat sich eigentlich alles verändert. Wiesen wo Sand war, Büsche wo Wege waren, Bambus wo Palmen waren, Gras wo Seen waren, Seen wo Gras war. Die Natur im Pantanal steht genau genommen im totalen Gegensatz zu meiner postulierten Beständigkeit und verändert sich jedes Jahr in Abhängigkeit von Regen, Flut und Trockenheit. Schöne Überraschungen inbegriffen. Steht man unter anderem abends mit einem Auto voller chinesischer Touristen vor einer Waldeinfahrt die leider wegen unkontrollierter Wucherei nicht mehr zum Einfahren taugt und muss einen riesen Umweg nach Hause machen. 85 jährige Omma denkt sie müsse jetzt für den Rest ihres Lebens verloren durch das Pantanal streifen. Verwilderte Gäste zusätzlich zu verwilderten Hausschweinen? Egal.

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...bei 36 °C hört der Spaß auf...
...bei 36 °C hört der Spaß auf...

Die Tapera hat in diesem Jahr wohl eher keine Lust auf Besuch und hat wie die Rosenhecke um das Dornröschenschloss dornige Zweige über die sandige Straße gewoben und hie und da mal einen Baum quer darüber geschmissen. Das ist natürlich blöd wenn man keine Wahl hat und dadurch muss. Immerhin bin ich mit dem Quad unterwegs. Mal wieder  Jochen Schweizer Wochen im Pantanal. Das Quad hat die halbe Spurbreite wie der Jeepinho und man kann eher um das ganze Gedöns rumnavigieren. Vermutlich würde man es technisch sogar irgendwie mit dem Auto dadurch schaffen, physisch würde mein Herz aber lange vor dem Jeep aus Angst vor kaputten Reifen  den Geist aufgeben. 

 

Wo die Straße von Baumtrümmern und wucherndem Gebüsch verschont wurde haben Gürteltiere ganze Arbeit geleistet. Scheißviecher. Die könnten überall graben- in den schönsten Wiesen, unter tollen Baumwurzeln, mit hübscher Aussicht neben dem See, aber nein, die bauen ihre Löcher immer genau da wo man langfahren will. Löcher und korrespondierende Sandhaufen soweit das Auge reicht. Vielleicht ist, da wo Autos und Traktoren drüber fahren, der Boden verdichtet und das Bauvorhaben im rieseligen Sandboden klappt nicht direkt zusammen wie Kölner Stadtarchive?! Um mal eine gewagte Theorie aufzustellen… Übrigens interessant: Die Wüstenstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate müssen den Sand für Bauvorhaben wie diese komische Palmeninsel in Dubai allen Ernstes in Australien und Indonesien einkaufen. Klingt absurd aber Wüstensand eignet sich nicht zum Bauen. Der ist zu rund und pappt nicht zusammen wie kantiger  Sand aus dem Meer. Irgendwie lustig. Kaufen die Araber, die zwischen endlosen Sanddünen sitzen, im großen Stil Sand ein. Irgendwie aber auch nicht lustig, den beim Baggern und Absaugen auf dem Meeresboden gehen A) viele Tiere und Wasserpflanzen drauf, B) entstehen Mulden die durch den Sand von Stränden und Ufern vom Meer wieder aufgefüllt werden. Gucken die Standresorts und Fischer in Indonesien ziemlich in die Röhre. Ganze Inseln können dann einfach unfreiwilliger Weise durch Strömungen abgetragen werden! 

Über Sand kann ich ausgiebig nachdenken, denn durch selbigen muss mittlerweile ich bis zur nächsten Kamerafallenposition 600 Meter weit stapfen. Wie ein Käselutscherverkäufer am Stand von Ipanema, man hat fast Lust den Kühen ein „QUEJO DE BRASA!“ entgegen zu brüllen. Die blockieren eh doof den Trampelpfad. Das Pantanal, zumindest das hier unten im Süden, ist ja auch ein einziger Sandkasten. Den Sand hat der Taquari Fluss im Laufe von mehreren Jahrtausenden hier im großen Stil hin getragen. Tatsächlich gab es mal Bohrungen nach Öl. Nach 500 Metern Sand gingen denen gottseidank die Bohrköpfe aus und das Projekt Ölgewinnung im Pantanal wurde ad acta gelegt. Kann man nur hoffen, dass er auch für arabische Bauvorhaben unbrauchbar ist… Dass der Sand 500 Meter und tiefer ist kann ich mir gut vorstellen wie ich da in unter der Hitze des Brasilianischen Winters (Winter…haha, ja genau) durch latsche. Der Wald, den ich auf den letzten Metern bis zur vorgegebenen Position durchqueren muss, war auch irgendwie mal offen und angenehm und hat sich jetzt mit dornigem Bambusgestrüpp und Zecken geschmückt. Leicht derangiert muss ich mir zurück beim Quad eingestehen, dass mein Plan ALLE Fallen aufzustellen wie immer etwas zu ambitioniert war. Abbruch der ganzen Aktion. Ich trete die Heimfahrt an. Muss ich morgen halt nochmal raus… Naja…

Gut erkennbar am unteren Bildrand: Das beeindruckende Geschlechtsorgan des Gürteltiermännchens.
Gut erkennbar am unteren Bildrand: Das beeindruckende Geschlechtsorgan des Gürteltiermännchens.

…Vielleicht werden Gürteltiere ja auch von den Achsen- und Stoßdämpferherstellern der KFZ-Industrie auf das ausschließliche Buddeln  auf Straßen abgerichtet und dann ausgesetzt. Denn: Ein Gürteltier macht viele Löcher auf der Suche nach Nahrung wie Wurzeln und Würmer und auch zum Bau der Heimresidenz. Der ehemalige Inhalt vom entstandenen Loch häuft sich als Sandhaufen daneben auf. Beides verbessert nicht unbedingt die Befahrbarkeit pantanesischer Straßen. Scheißviecher also. Aber ganz schön niedliche Scheißviecher muss ich zugeben als ich erst über einen Sandhaufen rumpele und dann schnell anhalten muss, als sich kleine, sandige Augen aus dem zugehörigen Schlagloch vor mir pellen. Ein Gürteltierkind. Vielleicht gerade flügge, denn eine Mutter von dem Kleinen ist nicht in Sicht. Ohhhh… so süüß. Vorgestern hatten wir schon eine Gürteltiersexparty. Also äh.. wir haben eine Gürteltierparty GEFUNDEN. Das könnte sonst missverstanden werden... Zwei vögelnde Gürteltier-Pärchen liefen auf der Straße und diverse Satellitenmännchen schwirrten um sie herum und warteten, dass eine Dame frei wird. 

Eines der Weibchen legte sich nach dem Akt auf den Rücken und bedeckte sich mit einer dünnen Schicht Sand, die kurzen Beinchen in die Luft gestreckt. Abkühlung??? Ein Rätsel diese Viecher. Als Oma stelle ich mir dann immer einen Klappstuhl zwischen die Gürteltierlöcher, kühles Bier im Dosenhalter und komme ihrem Treiben auf die Spur. Bis dahin können wir uns noch wundern und staunen. Als Oma kann ich nämlich eh dieses ganze Kamerafallengedöns nicht mehr machen. Da würde ich bei den aktuellen  37 °C ja nach maximal 20 Meter ohnmächtig vom Quad fallen. Mache ich jetzt ja schon fast. Dickste Mittagshitze- die anderen sitzen schon längst beim Essen. Oh Mann…

Nachmittags: Schnauze voll. Ich geh zum Fluss. Bei der Hitze sitzen die Ameisenbären eh alle im Wald und ich brauch mal Pause. Hatte seit ich in Brasilien angekommen bin noch überhaupt keinen freien Nachmittag. Also ein Bier in den Rucksack und mit dem Kajak flussaufwärts bis zu meiner geliebten Sandbank. Immerhin gibt’s dank dem ganzen Sandgedöns hier auch den perfekten Strand. Und an dem ist man dann ganz alleine. Also fast… ein paar Hokkos gockeln noch rum, ein paar Kaimane genießen die letzten Sonnenstrahlen, neben meinem Handtuch frische Pumaspuren. Boah. Das Wasser ist der Traum. Schön kühl bei der ganzen Hitze. Toter Mann spielen, über mir der rosa Himmel und die Schwalben die im Abendlicht über mich hinweg sausen. Dann auf der Sandbank Sonnenuntergang angucken bis die Sonne weg ist und man schlagartig überhaupt nicht mehr allein am Strand ist sondern in einer Moskitowolke Richtung Kajak hechtet. Anfängerfehler. Das wäre dann wohl mal wieder einer der Klassiker.

 

Vielleicht fallen in einer Natur in der Flut und Trockenzeit und sonstige Dynamik eigentlich alles immer verändert die Konstanten einfach besonders auf?

 

Übrigens gräbt der arme Premiumvolontär-Klaus gerade ein zwei Meter tiefes Loch in besagten Sand für die Geologen. Die kommen morgen und wollen die Stratifikation des Bodens hier untersuchen. Bei ihrem letzten Besuch konnten sie zeigen, dass der Sand in einem Meter Tiefe schon viele tausend Jahre alt ist! Das wäre dann wohl wieder eher undynamisch. Naja ich gebe auf das Ganze in Konstanten und Variablen einzuteilen. Ist ohnehin auf Sand gebaut. Das Kind, das von Lucas beim Mittagessen verschaukelt wurde, glaubt jetzt zumindest Klaus würde wegen seiner geringen Körpergröße für alle Zeiten in dem Loch festsitzen und müsste fortan dadrin mit Essensresten versorgt werden. Haha.

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